Buchstabendreher – Was steckt dahinter?


Viele Schreibanfänger verwechseln anfangs ähnliche Buchstaben wie b, d, p oder q. Das ist eine normale Entwicklungsphase und verschwindet normalerweise nach einiger Zeit von selber. Bei Kindern mit Leseproblemen bleiben die Verwechselungen dagegen häufig noch lange erhalten. Was steckt dahinter? Wie lassen sich solche Leseprobleme überwinden?

Ein wichtiger Lernschritt für das Vorschulkind ist die Objektkonstanz.  Egel wie man einen Gegenstand dreht und wendet, er bleibt immer der gleiche. So ist es jedenfalls im Alltag. Steht die Tasse auf dem Kopf, bleibt sie trotzdem eine Tasse und zum Trinken drehe ich sie einfach um. Liegt der Socken auf dem Fußboden, hebe ich ihn auf. Es bleibt beides das Gleiche. Hier bedient sich das Gehirn der visuellen „Was“-Bahn. Diese wichtige Wahrnehmungsgewohnheit muss ein Kind jetzt aber quasi wieder verlernen, wenn es die Buchstaben als Repräsentationen von Lauten automatisieren soll. Diese Zeichen können zwar GROßBUCHSTABEN, Kleinbuchstaben, Druckschrift, Schreibschrift, klein oder groß sein, aber sie dürfen nicht beliebig gedreht werden.

Mit diesem neuen Lernschritt geht einher, dass die Form der Buchstaben nicht mehr nur beidseitig visuell verarbeitet, sondern anschließend in der linken Gehirnhälfte nahe der Sprachzentren gespeichert wird. Mit jeder weiteren Leseübung werden dann auch häufig zusammen gelesene Schriftzeichen als feste Einheiten gespeichert und alles gut vernetzt mit Gehirnbereichen für die Lautverarbeitung und die Bedeutung der Sprache. Schnelles, automatisiertes Lesen wird so möglich. Auf dieser Lernstufe gibt es keine Seiten- oder Oben-/ Untenverwechselungen der Buchstaben mehr. Deshalb beobachte ich bei den früh gespeicherten kleinen Wörtern wie etwa „der“, „die“, „das“ sehr selten die typische Verwechslung.

Das Gehirn benutzt für diese Automatisierung des Lesens Areale, die ursprünglich für die Wahrnehmung gesehener Objekte im Raum und für die Blickverfolgung sich bewegender Objekte entstanden sind. Die „Was-Bahn“ geht in Verbindung zur „Wo-Bahn“. Außer der Form ist auch die Richtung der Buchstaben entscheidend.

Wie lassen sich auf Grundlage der beschriebenen Vorgänge Kinder in der wichtigen Erstlesephase  unterstützen?

Die visuelle „Was“-Bahn sollte gleichzeitig mit der „Wo-Bahn“ aktiviert werden! Deshalb sollte die Leserichtung immer waagerecht von links nach rechts verlaufen. Beim Erlernen der Buchstaben ist eine sinnvolle und immer gleiche Bewegungsrichtung grundlegend und keineswegs altmodisch. Wird der Buchstabe in unterschiedlichen Schreibvarianten zu Papier gebracht, lässt er sich viel schlechter automatisieren. Verknüpft der Leseanfänger mit optisch ähnlichen Buchstaben unterschiedliche Bewegungsabläufe, ist die Automatisierung viel eindeutiger.

Entsprechend der Alphabet-Acht aus dem Brain Gym und den Pfeilbuchstaben aus den üblichen Schreiblehrgängen beginnen wir das d mit einem Bogen nach links. Die senkrechte Linie folgt. Beim b zeichnen wir zunächst die senkrechte Linie, danach den Bogen nach rechts. In der Folge speichert sich eine unterschiedliche Bewegungsspur mit dem jeweiligen Laut ab. Die „Wo“-Bahn übt so mit.

d   b

An diesem Thema arbeite ich gerne auch mit einer leicht abgewandelten kinesiologischen Übung:

Beide Arme werden nach vorne ausgestreckt und die Hände bilden ein kleines Fenster zum Durchschauen. In der richtigen Schreibrichtung werden in großen Bewegungen die Buchstaben in die Luft geschrieben.  Allmählich werden die Bewegungen stufenweise verkleinert bis sie so klein sind, dass sie in die Handfläche geschrieben werden. Anschließend wird der Buchstabe groß und danach klein auf Papier geschrieben. Der Laut des entsprechenden Buchstabens wird idealerweise bei allen Varianten gleichzeitig gesprochen. In der letzten Variante wird die Bewegung in die innere Vorstellung geleitet und mit geschlossenen Augen visualisiert und der Laut innerlich gesprochen. Aus der Kinesiologie können Stirn/ Hinterkopf-Halten oder positive Punkte diesen Prozess unterstützen.

Auf ähnliche Weise lässt sich auch mit den Sandpapierbuchstaben aus der Montessori-Pädagogik üben.

Auf diese Weise können besonders Eltern ihre Kinder individuell und regelmäßig unterstützen. Möchten Sie dazu weitere Anregungen haben oder sind sie unsicher, ob die Leseentwicklung Ihres Kindes erfolgreich verläuft, so berate ich gerne.

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