Stress mit Lernwörterdiktaten?


Die meisten Kinder mit Schreib-, Lese oder Rechenproblemen kommen im Laufe des dritten Schuljahres zu mir in die Lernförderung. Die Eltern berichten dann, dass sie sich um ihr Kind schon länger sorgen. Zum Glück lässt sich eine Misserfolgsspirale zu diesem Zeitpunkt meistens noch verhindern oder durchbrechen, auch wenn eine frühere Förderung günstiger wäre.

Eine erfolgreiche Arbeit mit dem Kind beginnt allerdings zu diesem Zeitpunkt leider meist mit einem Konflikt: Innerhalb des Lernprozesses muss wirksame Hilfe genau da ansetzen, wo die ersten Anzeichen für das Problem aufgetreten sind. Zunächst werden die Unsicherheiten im grundlegenden Bereich aufgearbeitet und so ein sicheres Lernfundament errichtet. Es ergibt sich also daraus ein Zwiespalt zwischen dieser nötigen Grundlagenarbeit und den inzwischen viel komplexeren Anforderungen in der Schule.

Hierzu ein Beispiel:

Im Rechtschreibunterricht sollen sich Kinder häufig Lernwörter einprägen, die dann als Lernwörterdiktat abgefragt werden. Diese Wörter gehören meist zu einem Thema, das gerade im Unterricht behandelt wird. So lässt sich das Lernen der Wörter in einen inhaltlich interessanten und motivierenden Unterricht einbinden. Das hört sich doch gut an.

Doch wo ist das Problem und warum fallen diese Diktate schwachen Rechtschreibern meistens so schwer? Warum verzögert dieses Vorgehen sogar den Erfolg einer LRS-Förderung?

Da diese Lernwörter nach thematischen Gesichtspunkten zusammengestellt werden, fehlt es ihnen an orthographischer Systematik. Sie enthalten verschiedene Problemstellen, die wiederum unterschiedlichen Ebenen der Rechtschreibentwicklung zuzuordnen sind. Das Kind soll lernen, wie ein Wort geschrieben wird, weiß aber nicht unbedingt, warum es so geschrieben wird. Selbst wenn im Unterricht die zugehörigen Rechtschreibregeln erarbeitet werden, überfordern sie ein Kind mit Rechtschreibschwäche. Vielleicht konnte es schon in der ersten Klasse bestimmte Sprachlaute den Schriftzeichen nicht richtig zuordnen oder ihm ist die lautliche Durchgliederung der Wörter noch nicht komplett möglich. Mancher braucht noch Unterstützung beim schnellen visuellen Verarbeiten der Buchstaben. Im Bildbeispiel werden typischer Weise „b“ und „d“ noch unsicher verwendet. Abstraktere Rechtschreibregeln und ihre Ausnahmen, hier die Regeln zur Konsonantendoppelung, verunsichern ein Kind, das sich gerade die Beziehung von Lauten und Schriftzeichen erarbeitet. Um sie geht es zunächst in der LRS-Förderung. Auf dieser Basis  werden stufenweise weitere Rechtschreibphänomene behandelt.

Erst wenn das Kind die normale Verschriftung durch eine regelhafte Laut-Buchstaben-Zuordnung verinnerlicht hat, lernt es auf diesem Hintergrund Besonderheiten und Ausnahmen kennen. Sie werden als solche eingeordnet und verunsichern deshalb nicht mehr.

Beispielsweise lernt das Kind zunächst alle f-Laute auch mit einem „f“ zu verschriften. Dabei übt es selbstverständlich zunächst nur Wörter, die tatsächlich mit „f“ geschrieben werden. Ist dies gesichert und ein Verständnis von der Funktion von Vorsilben erarbeitet, so lernt es die Vorsilben ver- und vor- zu erkennen und mit einem „v“ zu notieren. Nur noch wenige Wörter wie zum Beispiel Vater und Vogel werden jetzt als Ausnahmeschreibungen thematisiert. Nur sie müssen jetzt als „Lernwörter“ gelernt werden. Das Kind muss nicht mehr bei jedem f-Laut überlegen, ob es „f“ oder „v“ schreiben soll. Es erlebt Sicherheit.

Bildhaft ausgedrückt: Der Schreiber bewegt sich in einer vertrauten, sicheren Gegend. Auf der Grundlage dieser Sicherheit weiß er eine eventuelle Gefahrenstelle rechtzeitig zu erkennen und kann sich begründet für eine Handlungsweise entscheiden. Er muss nicht mehr hinter jedem Grashalm die große Rechtschreibgefahr fürchten, wodurch er Unsicherheit und Stress erlebt und deshalb erst recht viele Fehler macht.

In diesem Sinne sind häufig die erwähnten Lernwörterdiktate nicht nur nicht hilfreich, sondern für eine erfolgreiche Förderung sogar kontraproduktiv. Die meisten Rechtschreibphänome lassen sich verstehen. Nur nicht alle gleichzeitig, denn dann verunsichern sie.

Entsprechend ist es auch bei Lese- und Rechenproblemen sinnvoll, zunächst an den nicht gesicherten Grundlagen zu arbeiten.

Durch dieses systematische, stufenweise Vorgehen erlebt das Kind erste Erfolge und kann sein Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten schrittweise aufbauen. Die Motivation steigt und die Erfolgsspirale beginnt. Deshalb sollte eine Förderung so früh wie möglich beginnen.

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